Die Blockchain sucht Neuland

Nicht nur Menschen steigen manchmal wie ein Stern am Himmel auf (und ab), sondern auch Programmierungen.

Java war ursprünglich nur als Programmiersprache für Waschmaschinen, Toaster und Telefonanlagen gedacht.

Bartels zugeschn.

Niemand ahnte im Jahr 1990 etwas von der gestalterischen Kraft, die unter der bescheiden anmutenden Haube von Java steckte. Nach fünf Jahren in der Nische katapultierte der Netscape-Browser dann Java als universelle Programmiersprache nach oben. Der Aufstieg geht munter weiter. Dies ist kein Einzelfall:

Die Blockchain ist seit dem Jahr 2008 als Bauteil der Kryptowährung Bitcoin bekannt. Bitcoin mag man als gefährliches monetäres Paralleluniversum verdammen oder als Gegenprogramm zum klassischen Kapitalismus romantisieren. Die Bitcoin bleibt kontrovers, aber ihr Baustein Blockchain setzt jetzt zu einer weitaus beeindruckenderen Karriere an.

Eine funktionale Beschreibung von Don und Alex Tapscott lässt das Potenzial für ganz unterschiedliche Anwendungsbereiche ahnen: „Die Blockchain ist ein nicht korrumpierbares digitales Verzeichnis zum Festhalten nicht nur von wirtschaftlichen Transaktionen, sondern von allem, was für Menschen wichtig ist: Geburts- und Sterbeurkunden, Heiratsurkunden, urkundlich verbrieften Rechten, Zeugnissen, Konten, medizinischen Daten, Versicherungen, Stimmabgaben und Transaktionen. Dieses Verzeichnis hält zutreffende Angaben fest, weil massenhafte Abgleichungen fortlaufend für Korrekturen sorgen. Wir werden uns nicht mehr im klassischen Sinn Vertrauen entgegenbringen müssen, denn die neue Plattform sorgt für Integrität.“

Jetzt werden immer neue Anwendungsgebiete bekannt, in denen man sich von der Blockchain Entwicklungsschübe erwartet:

Energiehandel:

Ernst & Young hat einen Wettbewerb ausgeschrieben, um die Vorteile der Blockchain im Energiehandel zum Tragen zu bringen. Hier geht es vor allem darum, Energie in lokalen Netzen und auch in sehr kleinen Mengen fair und zu minimalen Transaktionskosten zuzuordnen. Auch die Versorgungssicherheit ist ein Thema, zu dem die Blockchain einen Beitrag leisten soll.

Gesundheitswesen:

Wenn Daten über die Gesundheit eines Menschen bei Bedarf an jedem Ort sehr schnell zur Verfügung stehen, kann das Leben retten. Mehrere Unternehmen arbeiten an der „universellen Gesundheitsakte“, und eines hat sich bereits mit der estnischen Regierung über die massenhafte Anlegung von Patientenakten zusammengetan. Besonders ehrgeizig ist das Unternehmen Gem Health zusammen mit dem Philips Blockchain Lab. Die US-Regierung hat einen Wettbewerb für die Entwicklung einer mobilen Krankenakte über die Blockchain ausgerufen. Am Ende der Entwicklungen steht hoffentlich die Möglichkeit, dass ein deutscher Tourist bei der Konsultation eines Arztes in Südkorea diesem sofort über einen lokalen Rechner ein vollständiges Bild von seiner Krankengeschichte, seinen Allergien, den verordneten Medikamenten und Impfungen etc. verschaffen kann. Gleichzeitig steht die Zusammenführung von Krankendaten mit den Daten aus Wearables auf der Tagesordnung.

Diamanten, Designer-Handtaschen, Ölbilder:

Bei teuren Objekten kann es sich lohnen, diese im Sinne eines „digitalen Fingerabdrucks“ zu individualisieren und die spezifischen Daten in der Blockchain als ein besonders sicheres Echtheitszertifikat zu hinterlegen. Dies beantwortet Fragen nach der Integrität von Käufen (Stichwort „Blutdiamanten“), und es erleichtert den Handel und die Versicherbarkeit. Der Pionier auf diesem Gebiet ist Everledger.

Musikindustrie:

In der Blockchain lässt sich das geistige Eigentum an einer künstlerischen Leistung genau definieren, und die Information ist global abrufbar. Also kann der Künstler auch die Inanspruchnahme dieser Leistung über das Netz leichter und vor allem schneller in Einkommen wandeln. Mehrere neu gegründete Unternehmen arbeiten jetzt an praktikablen Lösungen. Dies kann Auswirkungen auf die etablierten Verteidiger geistigen Eigentums wie GEMA und auch auf Streaming-Dienste wie Spotify haben.

Eine ernste Frage:

Die Behauptung, die Blockchain sorge automatisch für Integrität, sollten wir nicht einfach unterschreiben. Die Integrität von einmal gespeicherter Information liegt zwar in der Natur der Blockchain. Kritisch ist aber die die Schnittstelle bei der Eingabe: Eingabefehler bei Einträgen ins Grundbuch oder in eine Krankenakte sind zwar nicht die Regel, aber sie kommen vor. Entweder fallen sie gleich auf, oder sie schlummern an der einen Stelle über Jahre weiter, bis sie auffallen. Ein fehlerhafter Eintrag etwa in die elektronische Krankenakte in der Blockchain aber bleibt nicht an einer Stelle, er multipliziert sich sofort. Man bedenke, dass etwa ein in einer Medikation falsch gesetztes Komma gefährliche Folgen haben kann, wenn der neu mit einem Patienten befasste Arzt ohne eine neue Untersuchung einfach die Angabe übernimmt. Die Frage nach der Sicherheit der Schnittstelle am Eingang sollten wir nicht mit „Das System irrt nicht“ beantworten. Der Glaube an die Unfehlbarkeit von Systemen richtet immer wieder Flurschaden an. Und trotzdem wächst er immer wieder nach.

Dr. Martin Bartels, LightFin

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