Crowdinvesting-Markt gescheitert ? Monitor eingestellt – Ein offener Brief an den Chefredakteur des Portals Für-Gründer.de

In den letzten Monaten häufen sich die Pleiten von Unternehmen, die im Wege des Crowdfinancings finanziert wurden – nicht ganz überraschend. Die Zahlen der Startup-Finanzierung auf diesem Wege stagnieren, während die der Immobilienfinanzierungen boomen. Ein führender Marktkenner prognostiziert das Ende des Crowdinvestings in Deutschland und stellt den Crowdfinancing-Monitor ein – sehr schade ! Richtig ?

Lieber Herr Klein,

Ihren Blog Crowdinvesting: Warum der Markt für Start-ups gescheitert ist“ habe ich mit großem Bedauern gelesen.

Besonders bedaure ich, dass Sie die Veröffentlichung des Crowdfinanzierungs-Monitors einstellen wollen. Sie haben damit über Jahre eine hochqualifizierte und wichtige Übersicht über den deutschen Crowdfinancing- und Crowdfunding-Markt bereitgestellt – ein wertvoller Beitrag für den gesamten Markt, für den ich Ihnen im Namen aller Marktteilnehmer danke möchte. Bitte erlauben Sie mir, zu einigen Ihrer Punkte Stellung zu nehmen.

Sie stellen fest, dass die Ergebnisse für 2016 und die Jahre davor aus Sicht der Start-up-Finanzierung eher ernüchternd sind, da der Bereich schon seit 2013 auf der Stelle tritt und der anfängliche Hype verflogen ist. Damit haben Sie leider recht – zumindest in Deutschland ….

Gleichzeitig stellen Sie fest, dass nun Immobilien-Crowdfinancings einen Boom erleben. Dies ist richtig, aber: was sagt uns das ? Das eine schließt in seiner Sinnhaftigkeit für Investoren das andere mit Sicherheit nicht aus! Immobilen-Crowdfinancing-Investments sind eine andere Anlagekategorie: regelmäßig werden diese mit einem (nicht sehr hohen) Festzinssatz und – wenn überhaupt – einer regelmäßig sehr kleinen Zusatzrendite angeboten. Beteiligungen an Startups sind dagegen in erster Linie an der Wertentwicklung des Eigenkapitals und (bei Startups regelmäßig nicht existenten) Gewinnausschüttungen orientiert. Vor diesem Hintergrund ist die von Ihnen schon früher mehrfach aufgeworfene Frage, ob die Anlageklasse Immobilien förderlich für den Gesamtmarkt ist oder die Start-up-Finanzierung darunter leiden wird, völlig irrelevant.

Für ebenso falsch halte ich Ihre Schlussfolgerung, Die Crowd hat nun entschieden: für Immobilien und gegen Start-ups. Richtig ist, dass die – deutlich später gestartete – Crowdfinanzierung für Immobilien 2016 das Finanzierungsvolumen für Start-ups übertraf. Aber, das Marktvolumen für Immobilien wie für Startups erreicht in Summe allenfalls lächerliche Beträge – auch und gerade im internationalen Vergleich. Nichts belegt, dass die von Ihnen richtig beschriebene Entwicklung einen dauerhaften Trend belegt, abgesehen davon, dass es in keiner Weise schlimm wäre, wenn der Markt für Immobilienfinanzierungen mit niedrigeren (regelmäßig weitgehend) festen Erträgen ein deutlich größeres Volumen annähme als der Markt für Startup-Finanzierungen. Dies reflektiert im übrigen nur die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der jeweiligen Anlageprojekte. Entscheidend ist aber letztendlich: wir reden hier von unterschiedlichen Anlageklassen mit völlig unterschiedlichem Chancen/Risikoprofil.

Vor diesem Hintergrund stehen auf Anlegerseite Start-up-Investments entgegen Ihrer Aussage allenfalls eingeschränkt in Konkurrenz mit Immobilien und auch nicht mit dem wachsenden Markt der Robo-Advisors im Fintech-Bereich. Umgekehrt bietet das neue Handelssegment der Deutschen Börse auch keine Alternative auf Unternehmensseite – es betrifft eine ganz andere Zielgruppe.

Mit Chancen und Risiken ist das wohl wesentliche Thema in diesem Zusammenhang angesprochen. Die Risiken der Startup-Finanzierung sind lange bekannt: VCs rechnen mit Totalausfällen von über 50 % und hoffen auf 10 % Stars. Warum sollte die Crowd klüger sein als VCs – das Gegenteil dürfte richtig sein.

Hinsichtlich der von Ihnen propagierten Immobilienfinanzierungen fallen Risiken in Ihrem Artikel leider unter den Tisch. Hinweise auf Gefahren wie „Überhitzung“ oder „Blase“ fehlen. Dabei mögen die Risiken von Immobilienfinanzierungen von Bestandsimmobilien bei angemessener Eigenkapitalausstattung des Projektträgers und vernünftiger Laufzeit in Ordnung sein und im heutigen Umfeld auch für nachrangiges (!) Kapital eine Rendite von 5 bis 6 % rechtfertigen, insbesondere wenn die Finanzierung wie in manchen Modellen durch dritte Projekte besichert ist. Für nachrangige Finanzierungen einer Projektlaufzeit von ca. 18 Monaten scheinen Renditen von 5 bis 7 %, d.h. ein potentieller Gesamtertrag 7,5 bis 10,5 % über die Projektlaufzeit bei einem Ausfallrisiko von 100% schwerlich angemessen. Daher sind – spätestens bei einer Abkühlung der Immobilienmärkte – auch im Bereich der Immobilienfinanzierungen Ausfälle zu erwarten, wenngleich nicht in dem Maß wie bei Startups.

Völlig Recht haben Sie – leider – in Ihrer anschließenden Forschung nach den Ursachen für die schwache Entwicklung der Startup-Finanzierung, wenn Sie hier das Instrument des partiarischen Nachrangdarlehens als den maßgeblichen Grund der fehlenden Attraktivität ansehen. Wenngleich vernünftige Projekte auch bei Verwendung dieses Instruments bei angemessener Bewertung und sonstiger Strukturierung immer noch attraktive Erträge für die Crowd ermöglichen können, darf nicht verkannt werden, dass der Gesetzgeber auch bei den Arbeiten zum Kleinanlegerschutzgesetz aus Gründen des falsch verstandenen Anlegerschutzes Instrumente wie die Stille Beteiligung oder Genussrechte, die einfacher verständlich und anlegerfreundlicher strukturiert werden können, unsinnigerweise privilegiert hat. Unabhängig hiervon muss das gewählte Instrument natürlich angemessen gestaltet werden: Soll beispielsweise das Chancen/Risiko-Profil von Eigenkapital abgebildet werden, kann – wie Sie richtig schreiben – eine zu Beginn des Investments festgelegte Vergütung auf Multiple-Basis, die sich an den naturgemäß zu hohen Planzahlen eines Start-ups orientiert, nicht zu einer angemessenen Rendite führen.

Es wäre schade, wenn all dies – wie von Ihnen vorhergesagt – den Markt für Crowdinvestments zum Erliegen brächte. Die zusätzliche Finanzierungsmöglichkeit für Startups wie auch im Immobilienbereich sind volkswirtschaftlich wie betriebswirtschaftlich wertvoll. Für Anleger bieten sich durchaus attraktive Ertragspotentiale im Niedrigzinsumfeld – zumindest wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Zu diesen Voraussetzungen gehören sinnvolle Instrumente, die verständlich und fair sind und Kleinanleger nicht mit unsinnigen Argumenten in die Nachrangigkeit zwingen. Diese Voraussetzungen kann der Gesetzgeber im Zuge der anstehenden Evaluierung des Kleinanlegerschutzgesetzes sehr einfach schaffen.

Hierzu gehört sicherlich auch ein verstärktes Maß an Disziplin und (Eigen-) Verantwortung auf Seiten der Plattformen. Dabei muss uns allen klar sein, dass das von Ihnen völlig zu Recht zitierte Principal-/Agent-Problem sich nicht völlig ausschließen lassen wird, dies gelingt auch nicht in anderen Formen der Anlagevermittlung und -platzierung, auch nicht im Bereich der Vermögensverwaltung.

Wenn Sie in diesem Zusammenhang meinen, die Plattformen stünden auch noch in einer starken Konkurrenz zu Business Angels und professionellen VC-Gesellschaften, die dann auch noch die besseren Deals bekämen, stimme ich dem allenfalls eingeschränkt zu. Business Angels können in Deutschland nur sehr beschränkte Finanzvolumina bereitstellen. Vielleicht bietet sich hier die Möglichkeit, über Kofinanzierungen eine Win/Win-Situation zu schaffen, auch für die Crowd.

Im Ergebnis hoffe ich, dass Sie mit Ihrer Prognose, Start-up-Investments hätten nach dem aktuellen Modell keine nennenswerte Zukunft haben, unrecht haben und sich zu gegebener Zeit wieder berufen sehen, den Marktmonitor wieder herauszugeben. Bis dahin muss ich mich leider mit der Lektüre Ihrer sicherlich auch weiterhin sehr spannenden Beiträge auf Für-Gründer.de zufrieden geben.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Kay-Michael Schanz

2 Kommentare

  1. Lieber Herr Schanz,

    vielen Dank für Ihren offenen Brief an meine Adresse. Richtig ist, wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Optimistisch bin ich für den Bereich der Start-up-Finanzierung über die Crowd jedoch nicht. Wohin sich die Immobilienfinanzierung entwickelt, ist aus Sicht unseres Portals unerheblich, weshalb ich in meinem Beitrag auch nicht auf die von Ihnen beschriebenen Risiken für die Anlageklasse eingegangen bin.

    Ohne Zweifel handelt es sich um verschiedene Anlageklassen. Doch dies allein ist kein Grund, warum sie nicht im Wettbewerb zueinander stehen sollten (ebenso wie Roboadvisor). Aus meiner Sicht konkurrieren diese Anlagearten um den internetaffinen Anleger, der außerhalb der klassischen Anlagekanäle wie Banken oder Versicherungen Geld über Plattformen im Internet anlegt. Und dabei weist die Anlageklasse „Start-ups“ derzeit die größten Nachteile auf: ein völlig unangemessenes Chance/Risiko-Profil und die größte Illiquidität. Anders als viele Marktteilnehmer sehe ich nicht in jedem Menschen, der Aktien oder Optionen handelt einen potenziellen Start-up-Investor.

    Ob es ein dauerhafter Trend ist? Bei der Start-up-Finanzierung sehen wir die Stagnation seit 2013. Drei Jahre halte ich schon für eine geraume Zeit.

    Das häufig zitierte Niedrigzinsumfeld hat aus meiner Sicht im Bereich der Start-up-Finanzierung übrigens nichts zu suchen. Schließlich kann es doch nicht darum gehen, Anleger, die derzeit keine Verzinsung auf dem Tagesgeldkonto oder bei ihren Festgeldkonten erhalten, zur Start-up-Finanzierung zu verleiten. Zu welchem Desaster dies führen kann, haben Anlagen wie Prokon oder die jüngsten Ausfälle im Markt für Mittelstandsanleihen gezeigt. Dies verdeutlicht übrigens auch noch ein Problem: Crowdinvesting ist nichts für die Masse – womit jedoch auch der Begriff Crowd ad absurdum geführt wird. Denn in einer vernünftig vorgenommenen Vermögensdiversifikation dürfte in der breiten Masse kaum nennenswert Kapital für Crowdinvestments übrig bleiben.

    Bisher haben wir das Thema zum Großteil aus Sicht der Anleger betrachtet. Gleichzeitig muss man fragen: brauchen Start-ups eigentlich die Crowd? Mit Blick auf die ggü. 2013 deutlich gesunkene Zahl der Finanzierungsrunden liegt die Schlussfolgerung nahe: nein. Ich habe den Eindruck, dass statt Crowdinvesting sogar Crowdfunding (auf US-amerikanischen Plattformen) bevorzugt wird. Zudem sind Business Angels (auch durch die Inzest-Förderung) aktiver geworden und der HTGF bietet bis 600.000 Euro in der ersten Runde für die meisten Start-ups einen guten Anlaufpunkt. Bei durchschnittlichen Finanzierungsrunden von knapp unter 400.000 Euro scheint derzeit also ausreichend Kapital für die (guten?) Start-ups vorhanden zu sein.

    Folglich sehe ich derzeit nicht viele Faktoren, die für eine Belebung des Crowdinvesting-Marktes für Start-ups sprechen. Allerdings bin ich gespannt, was die nächsten Monate bringen. Ich drücke die Daumen.

    Beste Grüße

    René Klein

  2. Lieber Herr Klein,

    Danke für Ihre schnelle Antwort.

    Im Ergebnis und der Ursachenforschung liegen wir, wenn überhaupt, nicht weit auseinander. Die Illiquidität der Anlageklasse Startups ist unstreitig – schon aus diesem Grund eignen Startups sich nur dann als Anlageobjekte, wenn man das investierte Kapital für lange Zeit nicht benötigt bzw. sich auch den Verlust leisten kann.

    Ich bin mir nicht sicher, ob das Chance/Risiko-Profil von Startup-Investments tatsächlich per se „völlig unangemessen“ ist. Es ist es aber mit Sicherheit immer dann, wenn Plattformen wie so häufig unsinnige Geschäftsmodelle oder suboptimale Teams unterstützen und /oder unangemessene Bewertungen akzeptieren. Genau dies betraf mein Apell an das Verantwortungsbewußtsein der Plattformen.

    Vielleicht liegt die Lösung ja in der angesprochenen Kooperation zwischen Business Angels und Crowd …

    Viele Grüße

    Kay Schanz

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